Verheiratet? Wie geht das gut?
(06.12.2003)
Experte in beziehungsfragen bin ich nicht. Keineswegs. ich kann hier nur mitteilen, wie es bei mir war. Das was ich hier beschreibe ist erst vier, bzw. zwei monate her.
Ehrlichkeit
Gerne hätte ich jetzt hier die geschichte eines freiwilligen, erfolgreichen outings, wie es sie doch einige gibt. Er sagt ihr, wie auch immer, was er tut und macht. Ein paar gelungene beispiele gibt es unter:
Leider war ich mein leben lang zu feig es zu tun, mit meiner partnerin ein klärendes, mutiges und ehrliches gespräch zu führen. Diese gelegenheit ist und bleibt verpaßt.
Ich habe mich letztlich erwischen lassen, das heisst die spuren die ich hinterlassen habe waren zu offensichtlich. Das auch noch zu einem zeitpunkt, zu dem die beziehung durch meine schuld sowieso in einer krise war. Unterm Strich bedeutet das, dass die frau, mit der ich 26 jahre zusammen bin, und mein leben teilt, nicht nur mein cross-dressing zu verdauen hat, sondern natürlich auch prinzipielle zweifel hat an meiner ehrlichkeit. Wie der mann an ihrer seite "eine Lüge leben" konnte. Weil ich eben diesen aspekt zu feige war zu teilen.
Mit-teilen ist ein schönes wort. Wert darüber nachzudenken.
Was ist der Weg?
Jetzt bin ich der meinung, es gibt einen guten und einen schlechten weg. Der gute ist die wahrheit, ohne ausflüchte, selbst wenn schonungslos. Wenn eine beziehung die wahrheit nicht aushält, ist sie die lüge nicht wert. Der einzig schlechte ist die heimlichkeit, das verschweigen, das in sich hineinfressen, das notgeile warten auf die gelegenheit.
Mich hat die unehrlichkeit belastet die ganze zeit, und viel von der freude an mir, und meinem leben genomen. Deshalb natürlich auch die schuldgefühle, der selbsthass, die depressionen.
Ich war selbst nicht in der lage, mir die frage nach dem, "was" ich bin, zu beantworten. Zu sehr schreckte ich davor zurück, zu sehr war ich konditioniert auf mann und männlichkeit. Da hätte erst mal ehrlichkeit, mir selbst gegenüber, immens geholfen.
Wer das jetzt liest, ist über diesen schritt wahrscheinlich schon hinaus. Die jüngeren unter euch, die es mittlerweile in der mehrheit gibt, sind auch anders aufgewachsen. Sicher spielt auch das umfeld, in welcher region, ob in einer stadt oder auf dem land eine größere rolle. Meine "Aufklärung" erhielt ich mit 12, durch Kameraden im Wald, beim rauchen. Vielleicht hilft es euch zu wissen, dass für menschen meiner generation der werbespruch "mein hüfthalter bringt mich noch um" durchaus ernstgemeint war. Wo ich aufwuchs traten bei bürgermeisterwahlen zwei kandidaten der csu gegeneinander an, die sich die 95% redlich teilten.
"Hast Du mir etwas zu sagen?"
Nachdem also meine frau letztlich bescheid wusste, stand diese frage im raum. Wie einfach, wie befreiend wäre jetzt ein JA gewesen. Aber wieder behielt meine angst die oberhand, und ich sagte "Nein", hätte ich nicht. Aus ihrer reaktion war mir aber sofort klar, dass dies die falsche antwort war. Hätte es unglücklicher laufen können? In den folgenden gesprächen sagte ich ihr die wahrheit.
Ich lies die sache ein paar wochen ruhen. Ich nahm mir erstmals die zeit, über meinen "zustand" nachzudenken, mit allem ins reine zu kommen. Allein dieser entschluss führte schon dazu, dass ich mich selbst besser leiden konnte, dass ich den folgenden sommerurlaub entspannter verbrachte, und mich von einem teil meiner zwänge löste.
Schön wäre es gewesen hätte diese entwicklung angehalten bis von meiner Eigenart nichts mehr übriggeblieben ist. Leider war es nicht so, wie es auch zu erwarten war. Die lange nächtliche heimfahrt auf der autobahn, die zeit die ich hatte meine gedanken kreisen zu lassen liessen den drang wieder aufleben, und ich war wieder, wie vorher, unzufrieden mit meinen lebensumständen, und entsprechend gereizt.
"Was bist Du? Was willst Du? Was suchst Du?"
Wüßte ich es,könnte ich diese fragen natürlich genau beantworten. Eine absolute wahrheit gibt es nicht, und kann es bei lebenden menschen vielleicht auch nur im rückblick geben, und auch da nur verschiedene subjektive versionen.
Letzlich halfen diese fragen mir aber, die befürchtungen meiner partnerin zu verstehen, und zumindest für mich zu beantworten. Mein „verkleiden“ stört sie nicht mal so sehr, sie könnte natürlich daraufverzichten, klar. Was sie aber befürchtet, sind im wesentlichen zwei dinge. Beide kann ich heute mit sicherheit ausschliessen
Ich werde keinen sex mit männern haben. Zum einen werde ich keine außerehelichen intimitäten jeglicher art haben, zum anderen sind männer nicht sexuall attraktiv für mich. Ich kann zwar einen schönen mann durchaus schätzen, wenn es denn so ein seltenes exemplar üerhaupt gibt, als identifikationsfigur vielleicht, aber sex mit ihm, beim besten willen nicht.
Mein Weg wird mich nicht wesentlich weiter führen als ich es jetzt bin. Ich fühle mich wohl in diesem körper, mit allen seinen anhängseln und möglichkeiten. Ich mag sex, so wie ich ihn damit ausübe. Es gibt nichts was ich mir vorstellen könnte, was eine operation oder hormontherapie verbessern könnte an meinem leben. Ich kann so weiblich sein wie ich es will, ich bin so viel mann wie ich es will.
Und Jetzt?
Alles ist im fluß. Meine frau akzeptiert meine „weibliche seite“, weil ihr letztlich keine andere wahl bleibt. Sie stellt mich nicht vor die entscheidung zwischen meinem hobby und der beziehung zu wählen. Ich für meine seite schränke es ein, soweit nötig, wobei hier mein leben als vater und ehemann einfach vorrang hat.Meine frau kennt die frau in mir nur von fotos, und legt auch keinen wert sie mal persönlich zu treffen. Im täglichen leben nehmen wir es relativ locker, sie besorgt mir die eine oder andere strumpfhose, leiht mir ihre röcke, und wir reden ganz alltäglich über styling, mode und rocklängen. Ich style mich gelegentlich, und gehe alle zwei wochen aus. Abende auf dienstreisen, nutze ich nach möglichkeit.
Tiefergehende themen, großangelegte und tiefschürfende analysen führen manchmal zu sehr depremierenden gesprächen, einfach weil wir beide doch jedes wort und jede geste auf die goldwaage legen, und wir beide entweder zu viel und zu weit und falsch interpretieren, oder zu viel bis zur bedeutungslosigkeit zerreden. Ihr vertrauen in mich ist und bleibt nachhaltig gestört, das kann hoffe ich die zeit heilen, ich kann es nicht. Ihre befürchtungen kann ich nicht zerstreuen, dazu ist der vertrauensbruch einfach zu gross gewesen. Sie kann nachvollziehen, dass ich der wahrheit lange nicht ins gesicht schauen wollte, deshalb bezweifelt sie, dass ich jetzt tatsächlich kann.
Ich denke, jeder versteht jetzt, warum ich auf dem Thema Ehrlichkeit so herumreite
Das wars im wesentlichen (06.12.2003)
Ein Update zwischendurch (30.01.2004)
Meine Frau hat mich en femme erlebt. Sie steht dem Thema immer noch negativ gegenüber. Aber mich mag sie trotzdem noch. Gott sei Dank.
Alles Liebe,
Michi