Presseaussendung des Arbeiterbetriebsrates der Semperit Reifen GmbH
17.12.2009 - 22:07, Betriebsrat der Semperit
Der nachfolgende Text hat keinen Bezug zur LGBT-Community. Trotzdem erscheint er mir ein Grund zu sein sich Gedanken zu machen.

Denn das was im Semperitwerk in Traiskirchen passiert ist, kann jederzeit auch woanders in Österreich geschehen. Und es kann auch Menschen mit Transgenderhintergrund betreffen. Er zeigt für mich wie sehr sich unsere Gesellschaft verändert hat, und ich frage mich, ob wir das einfach so hinnehmen müssen?

In diesem Sinne bitte ich Euch nur den nachfolgenden Text zu lesen, darüber nachzudenken und Eure eigenen Schlüsse zu ziehen.

Angelika

Presseaussendung des Arbeiterbetriebsrates der Semperit Reifen GmbH

Am Freitag, den 18. Dezember 2009 gehen die Produktionsmitarbeiter der Semperit Reifen GmbH in Traiskirchen zum letzten Mal ins Werk um ihre letzte Schicht zu fahren. Nachdem der Reifenhersteller Continental die Reifenfertigung am Standort bereits im Juli 2002 eingestellt hat, wurden die Mitarbeiter am 16. Juni dieses Jahres darüber informiert dass mit Jahresende auch die Mischungsherstellung geschlossen wird. Nach 113 Jahren Jahren Gummiindustrie am Standort Traiskirchen verlieren die letzten 195 Produktionsmitarbeiter ihren Arbeitsplatz. Lediglich rund 30 Mitarbeiter der 195 Betroffenen werden noch bis zum 30.6.2010 mit Abbau- und Aufräumarbeiten beschäftigt sein.

All jene die diese Werkschließung mit „Es war ja abzusehen“ kommentieren liegen falsch. Semperit hat auch im Jahr der Bekanntgabe der Schließung der Reifenfertigung im Jahr 2001 Gewinne erwirtschaftet. Selbst die kleine Mischungsherstellung, die nach 2002 weiter bestand, war hoch profitabel und wies jährliche Bilanzgewinne aus.

Als im Jahr 1994 die Forschung- und Entwickungsabteilung in Traiskirchen geschlossen wurde war klar, dass wir zur verlängerten Werkbank degradiert wurden. Den ersten Schließungsversuch durch den damaligen Vorstandsvorsitzenden Dr. von Grünberg im Jahr 1996 konnte der damalige Bundeskanzler Dr. Franz Vranitzky, in vielen persönlichen Gesprächen noch abwenden.

Als es kurz vor Weihnachten des Jahres 2001 spürbar wurde dass ein Schließungsauftrag bevor steht, interessierte dies die Regierung mit dem damaligen Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel nicht. Laut Conti-Vorstand war Dr. Schüssel nicht bereit, die drohende Schließung vorab zu beraten. Der Betriebsrat forderte damals, die Semperit von Continental loszulösen, in der ÖIAG zwischenzuparken um einen neuen Eigentümer für die Reifenproduktion zu suchen. Wohlgemerkt war die Semperit auch damals kein Sanierungsfall und bilanzierte mit Gewinn. Dies nur deshalb angemerkt, weil exakt dieser Weg aktuell für die Hypo Alpe Adria Bank beschritten wird, wobei hier hunderte Millionen Euro an Steuergeldern zur Verlustabdeckung eingesetzt werden müssen. Rückblickend betrachtet ist festzustellen, dass die Traiskirchner Belegschaft mit ihren Anliegen der Weiterführung der Produktion im Jahr 2002 bloß die falsche Regierung als Ansprechpartner hatte.

Die jetzt anstehende Schließung der Mischungsherstellung wurde mit der weltweiten Wirtschaftskrise und dem damit verbundenen, sinkendem Absatz an Reifen argumentiert. Da in unserem Wirtschaftssystem für die Anliegen der arbeitenden Menschen und ihrem Wunsch nach einem gesicherten Einkommen kein Platz ist, weil es nicht mehr genügt Gewinne zu schreiben, vielmehr nur mehr zählt dass die Gewinnzahlen zweistellige Prozentsätze ausweisen, gehen in Traiskirchen nach 113 Jahren Industriestandort die Lichter in den Werkshallen für immer aus.

Die Semperit-Belegschaft darf sich auf diesem Weg bei den jeweils handelnden Personen im ÖGB, den Fachgewerkschaften und den Länderkammern für die Unterstützung im Kampf um die Erhaltung der Arbeitsplätze herzlich bedanken. Oftmals wurden Etappensiege in den Verhandlungen mit Continental erst durch fachliche Unterstüzung und den Druck der Öffentlichkeit erreicht.

Das große Ziel, in Österreich eine Reifenfertigung bzw. eine Mischungsherstellung zu erhalten und damit nachhaltig Arbeitsplätze zu sichern, blieb uns leider verwehrt.

Alfred Artmäuer
Arbeiterbetriebsratsvorsitzender
11 Zugriffe Redaktion Transgender.at